Ihr Kind kann zur Einschulung nicht lesen?

Nachdem nun lange klar war, dass der Fachkräfte-Nachwuchs nicht mehr wie Champignons aus dem Boden sprießt, ging der erste Impuls dahingehend die neue Generation möglichst effizient in die gewünschte Richtung zu lenken. Dieser Versuch hat noch nicht das gewünschte Ergebnis gebracht. Austausch und die Verbindung aller Beteiligten und vielleicht auch ungewöhnliche Lösungsansätze und agile Entwicklung sind gefragt.

Dieser Gastbeitrag wurde kürzlich zum Thema „der jungen Wirtschaft fehlen Fachkräfte“ als Antwort auf die Fachkräftestudie der Wirtschaftsjunioren auf nachhaltigkeit extra und in der Huffington Post veröffentlicht. Besonders freue ich mich, wenn er zu Austausch, Vernetzung, Fragen, Ideen und vielleicht neuen Antworten anregt.  

Freie Gedanken zur Fachkräfte-Diskussion als Anknüpfung zur Pressemitteilung bzgl. der Mitgliederumfrage 05/15 der Wirtschaftsjunioren Deutschland zum Fachkräftemangel.

Über den Fachkräftemangel unterhalten wir uns nun schon seit einigen Jahren. Seitdem hat sich meines Erachtens nicht besonders viel verändert. Aber wenigstens sprechen wir darüber. Willkommen also in unserer „neuen“ (Arbeits)Welt. Das Thema ist komplex und es lässt sich nicht konkret mit Kennzahlen und erprobten Methoden zu einem konkreten Ziel hin abarbeiten. Austausch und die Verbindung aller Beteiligten und vielleicht auch ungewöhnliche Lösungsansätze und agile Entwicklung sind gefragt.

Noch während meiner Medien Zeit als Verantwortliche für Stellenmärkte, irgendwann vor sieben, acht Jahren mehrten sich auf Stellenanzeigen oder andere Aktionen irgendwann Feedbacks, wie diese: „Bewerbungen sind entweder schlecht oder bleiben völlig aus. Berufsbilder sind entweder interessant oder eben nicht.“ Dieses Entweder/Oder machte mich im Laufe der Zeit allerdings stutzig.

Wie konnte es sein, dass es Unmengen von jungen Leuten ohne Ausbildungsstelle oder Fachkräfte, die keinen Job mehr finden, gibt und gleichzeitig immer wieder das alte Lied von den Fachkräften, die fehlen, ertönt? Meine heutige Erkenntnis? Es ist ein komplexer Kreislauf, der nach einem überholten Regelwerk funktioniert und alle Beteiligten eigentlich schon lange nicht mehr glücklich stimmt.

So schiebt der eine die Schuld auf den anderen. Aber meiner Meinung nach bedarf es gemeinschaftlich der Veränderung – und das braucht Geduld und immer wieder Mut zu Versuch und Irrtum mit darauffolgendem Justieren der Richtung.

Schulzeit produziert Gewinner oder Versager

Nachdem nun lange klar war, dass der Nachwuchs nicht mehr wie Champignons aus dem Boden sprießt, ging der erste Impuls dahingehend die neue Generation möglichst effizient in die gewünschte Richtung zu lenken. Um die Jugendlichen also nach der Schule/Studium schneller in den Arbeitsmarkt zu bekommen, wurde bspw. bei uns in Bayern vor einigen Jahren das Gymnasium um ein Jahr verkürzt. Zudem das Studium auf Bachelor und Master umgestellt. Das Spannende ist, das gewünschte Ergebnis hat sich nicht eingestellt.

Meine Erfahrung, Gespräche mit Klienten und befreundeten Familien geben mir unter anderem folgende Erklärung. Die Schulzeit lässt kaum mehr den Blick über den Tellerrand zu. Schule, lernen, Nachhilfe, gewinnen oder versagen. Nichts dazwischen. Was ist mit Musikunterricht? Was ist mit Sport? Was ist mit Ehrenämtern in der Jugendgruppe oder der Kinder-Hip-Hop-Gruppe? Was ist mit Freunde treffen und auf Bäume klettern?

Regeneration und Ausgleich und das Erforschen der eigenen Potenziale außerhalb der verschulten Planwelt sind fast nicht mehr drin. Der Weg geht immer geradewegs in Richtung der nächsten Prüfung. Wen wundert’s, dass von diesem angelernten Wissen wenig mit Leib und Seele aufgenommen oder aus Interesse intensiviert wird?

Umso weniger hat es mich überrascht, als ich letztens von den ersten Burnout Fällen bereits mit zehn (!) Jahren las. Leistung stur durch den Tunnel. Eltern in Panik. Schwarz oder weiß. Erfolg. Misserfolg. Und das in einer Welt voller Möglichkeiten?

So kommen die Jugendlichen nach dem Abitur statt wie geplant früher, immer später in die Firmen und studieren sogar noch öfter. Das ist meines Erachtens nicht Faulheit sondern der Drang nach Leistungsperfektion gepaart mit Orientierungslosigkeit. Diese steht einem immens großen Berufsbilderangebot gegenüber, von dem niemand wirklich ein Bild hat.

Obwohl doch kurz vor Schulabschluss noch schnell alle Schüler auf unzählige Messen gelotst werden, auf denen in den schillernsten Farben Ausbildungsplätze angepriesen werden; gleich neben den 57 Gap-Year-Ständen und 193 bezahlten Studiengängen. Diese übrigens haben meist zur Folge, dass auch wenn ursprünglich anders gedacht, doch meist bis zum Master studiert wird, denn bei der Karriereplanung will den Bachelor in Unternehmen auch niemand so recht als fertiges Studium sehen.

Frage am Rande: brauchen eigentlich alle Auszubildenden Abitur? Das ist glaube ich, die erste Krux, die es aufzulösen gilt. Wenn klar wird, dass der Weg wirklich in alle Richtungen offen ist, auch mit Quali oder Mittlerer Reife und das nicht mit Versagen gleichgestellt wird, dann beginnt der Druck nicht schon bei den Eltern.

Diese werden zuhauf aus Zukunftsangst und dem natürlichen Wunsch für die allerbesten Startvoraussetzungen ab der 3. Klasse zu knallharten und ehrgeizigen Managern und Trainern, ähnlich wie man sie aus dem Hochleistungssport kannte.

„Wie, Ihr Kind kann zur Einschulung noch nicht lesen und schreiben?“

Kürzlich erzählte mir ein Kollege, dessen Jüngster jetzt eingeschult wird, eine nette Geschichte. Beim Informationsabend sagte die Lehrerin: „Machen Sie sich keine Sorgen, wenn Ihr Kind bei der Einschulung noch nicht lesen und schreiben kann, denn dafür kommt es ja jetzt schließlich in die Schule.“ Bisher waren wenigstens annähernd noch die Kindergartenkinder verschont.

Aber die Kleinkinder sollen jetzt neuerdings auch noch in den Bildungswahn aufgenommen werden? Fragezeichen? Übrigens wenn sie es offiziell noch nicht waren bisher, dann vielerorts schon von zu Hause. Denn die Eltern haben bereits stolze Vorarbeit geleistet. Offensichtlich kommt das so oft vor, dass es bei der Einschulung zum Thema wird.

Ich bin kein Hyperesoteriker oder Anhänger von extremen Glaubensgemeinschaften gegen Schulbildung. Im Gegenteil ich liebe Bildung. Sie macht unsere Gesellschaft widerstandsfähiger, einsichtiger, wirtschaftlicher, reicher, beständiger. Ich liebe es, Fragen zu stellen und noch mehr liebe ich es, zu lernen.

So folgen wir in den ersten Lebensjahren einer wunderschönen freien Entwicklung, wie wir sie später oft mühsam wieder in uns entdecken wollen und suchen müssen, wenn wir unsere Potenziale suchen – beispielsweise bei der persönlichen oder beruflichen Entwicklung.

Sicher, wir werden geprägt von Eltern, Familie, Kindergarten, etc. Aber diese Freiheit des Fragens, Denkens, Sagens, Tuns, Entwickelns, Lernens und Fehler machens, die ist für unsere Entwicklung sehr wichtig. Auch als Gesellschaft. Und in immer komplexeren Prozessen auch in der Wirtschaft.

Was bedeutet eigentlich Bildung? 

Bei Google finde ich eine gebräuchliche Definition:

1. Die Gesamtheit der in Bildungsinstitutionen erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten. 

2. Die Eigenschaft eines Menschen, dass er durch umfangreiches Wissen und gute Erziehung geprägt ist.

Jetzt frage ich mich, ist das wirklich der Schlüssel, den wir suchen? Ist es wirklich Bildung, die fehlt und damit Fachkräfte vermissen lässt? Gefolgt von der nächsten, vielleicht etwas ketzerischen Frage, ziehen wir unsere Kinder in und für die Gesellschaft groß oder erzieht sich die Wirtschaft die Gesellschaft?

Vielmehr beobachte ich, dass erlerntes Wissen, Kenntnisse und Fertigkeiten nur noch eine geringe Beständigkeit aufweisen. Sicherlich sind sie eine unverzichtbare Grundlage. Doch geht es nicht vielmehr darum, die Begrifflichkeiten Fachkraft und Bildung in ihrer veränderten Form wahrzunehmen?

Zugang zu Wissen und ständige Weiterbildung

Lösungsansätze könnten meines Erachtens sein: Freies denken, fragen, irren und lösen so lange wie möglich im Spiel statt in der Bildung fördern. Zeitgleich dafür zu sorgen, dass Schulsysteme und Studium in angemessenem Rahmen wieder mehr auf Potenzialförderung und handlungsorientierten Unterricht statt druckbesetztes, stures Lernen auf das ausschließliche Bestehen von Prüfungen setzen.

Darauf folgt der stetige Wissensaustausch und das ständige Bilden und Weiterbilden von Mitarbeitern, gefördert von Unternehmen, durch beispielsweise den Aufbau und den Zugang zu Trainings, Coachings, Wissensdatenbanken, Elearnings.

Ergänzt von der Eigeninitiative der Mitarbeiter, mit dem Wissen darum, dass das Wissen einer Fachkraft als solches sich in unserer hochtechnisierten und schnellen Welt ständig verändert, was für jemanden, der Fragen, irren und lösen bereits seit Kindheit an gelernt hat eine routinemäßige, sogar erwünschte Begleiterscheinung für sein Berufsleben sein sollte.

Zudem bin ich der Meinung, dass das Bearbeiten komplexer Systeme bereits mit anderen Grundvoraussetzungen einher gehen würde. Denn wer fragen und irren lernt, dem ist der Austausch und die Problemlösung in der Gemeinschaft überlebenswichtig und nicht der Einzelerfolg für ein Ziel. Nicht umsonst, werden in Trainings genau diese Ansätze sehr erfolgreich genutzt, angenommen und sogar mit immer ausgetüftelteren Spielwelten begleitet.

Da liegt meiner Meinung nach der Investitionsbedarf. Die Startvoraussetzungen zu verändern, Berufsbilder praktisch zu transportieren, die Berufsbegleitung an die Anforderungen der Berufswelt anzupassen, Menschen mit Bildung zu integrieren, die unterwegs in den Hintergrund gerückt sind, sei es durch Lücken im Lebenslauf oder Veränderungsprozesse und die Integration von Menschen mit internationalem Hintergrund zu erhöhen.

Familie und Beruf 

Last but not least liegt eine der Lösungen ganz entscheidend in der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Diese Mühle dreht sich langsam. Sehr langsam. Wie ich finde, zu langsam. Eben weil sich unser Gesellschaftsbild von der Frau, die aktiv und gleichgestellt berufstätig und gebildet ist, noch seit noch gar nicht so langer Zeit verändert hat. Erst in den Siebzigern durfte eine Frau ohne Erlaubnis ihres Ehemannes überhaupt arbeiten.

Damit stellt sich dieses Problem der Betreuung und Vereinbarkeit noch gar nicht so lange. Betreuungsplätze gibt es nun, aber obwohl schon viel am Kita-Ausbau gearbeitet wurde, überlegt sich eine Familie oftmals sehr lange, selbst wenn sie einen Kita-Platz für ihr Kind bekommt, ob sie das wirklich tun soll. Die städtischen/staatlichen Stellen sind extrem begrenzt.

Die privaten kosten soviel, dass man sich fragen muss, ob das den Stress denn überhaupt wert ist. Hinzu kommt, dass viele Unternehmen noch immer (nicht ganz offen natürlich) keine alternativen Arbeitsplatzmöglichkeiten für Eltern (Home-Office bspw.) anbieten, wenn zum Beispiel mal wieder die Masern, Röteln, Rotznase, Magen-Darm und was in den ersten Jahren an Krankheiten alles angeschleppt wird, ausgebrochen ist.

Das Ganze gepaart mit den berechtigten Streiks der Kindergärten, die die Eltern völlig verzweifelt ob der Betreuung ihrer Kleinen und dem schlechten Gewissen dem Arbeitgeber gegenüber zurücklassen. Nicht zu sprechen von 12 Wochen Ferien und regulären Schließungszeiten. Dem gegenüber stehen 24 Urlaubstage im Schnitt. Einige ganz wenige Arbeitgeber gehen bereits seit Jahren sehr fortschrittlich voran. Aber es sind noch viel zu wenige.

Diejenigen, die bereit sind, die Kinder- und Familien-Thematik in ihr Unternehmenskonzept einfließen zu lassen, sowohl in Bezug auf Karrieremöglichkeiten für Frauen, als auch bzgl. der Kinderbetreuung, werden allerdings erfahrungsgemäß von ihren Mitarbeitern mit Loyalität und wenig Fluktuation belohnt.

Diese Situation „Famile und Beruf“ gemeinsam zu lösen kann und muss meines Erachtens allererste Königsaufgabe sein. Von Intensivierung der Bildung in Kindertagesstätten, selbst wenn gewünscht, wären wir dann immer noch Lichtjahre entfernt.

Frei nach Konfuzius: „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“.

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